Zum Lac du Vieux Emosson !

Ich habe gut gefrühstückt und für meine heutige Tour beinahe den Blick auf die Uhr vergessen. Etwas gestresst packe ich meine Sachen um rechtzeitig zum Bahnhof Vernayaz zu kommen und den 0851 Uhr Zug der Martigny – Châtelard Bahn zu erwischen. Wenigstens war ich noch früh genug um ausgiebig das Wandpanorama an den Gleisen zu betrachten, welches schön die Geschichte dieser Bahn darstellt, welche heute als Mont-Blanc Express bekannt ist.

Mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit fährt die Bahn die Zahnradstrecke entlang der gestrigen Route des Diligences nach Salvan hinauf. Dank Kehrtunnel sieht man auf beiden Fensterseiten etwas. Die Fahrt kostet 6 CHF und die Velotageskarte faire 5 CHF. Der Platz fürs Velo ist aber sehr begrenzt und der Morgenzug glücklicherweise noch nicht völlig überfüllt. In Finhaut auf 1223m steige ich aus. Ziel ist die 8km lange Auffahrt zur Staumauer des Lac d’Emosson. 

Die Strasse ist breit und der Sonne ausgesetzt. Ein weiterer Grund um früh unterwegs zu sein. Der Aufstieg ist legendär, spätestens seit 2016 die Tour de France ihre 17. Etappe hier beendete. Überall entlang der Strasse wird man an dieses Ereignis erinnert. Die Km Schilder mit den Steigungsprozenten fördern die Motivation: 9% zweitgrösstes Ritzel, 10% grösstes Ritzel! Ebenfalls eindrücklich ist der massive Lawinenzug in den Spitzkehren unterhalb des Bel Oiseau. Auf mehreren Hundert Meter ist sämtliche Vegetation niedergedrückt und selbst jetzt im Juli ist die Zerstörungskraft dieser Lawine spür- und sichtbar.

Zur Talseite erweitert sich der Blick auf die Mont-Blanc Kette – von der Aiguille du Tour bis zum höchsten Berg Europas. Ein riesiger Parkplatz und der Tunnel für die rechtsufrige Strasse entlang des Lac d’Emosson kündigen den Zwischenbergpreis beim Restaurant du Barrage d’Emosson (1965m) an. Ich geniesse die Aussicht und schaue kurz im Besucherzentrum der Kraftwerke vorbei. Natürlich ist hier an so einem Prachtstag die Hölle los, schliesslich ist der See per Auto erreichbar.

Hinter dem Restaurant blickt man staunend auf die Staumauer des Lac d’Emosson. Obwohl die Natur hier fantastisch ist, hat die 180m hohe, massiv gewölbte Bogenstaumauer ihre eigene technische Faszination.

Wer den Wikipedia Eintrag nicht lesen mag – hier eine Kurzversion. 1920 hat die SBB hinten im Tal den Lac de Barberine gestaut. Die alte Staumauer ist im heutigen Stausee verschwunden und nur bei Niedrigwasser sichtbar. 1974 wurde die neue Staumauer gebaut nachdem mit Frankreich Land abgetauscht wurde um die Mauer in der Schweiz zu haben. Unglaublich ist die Tatsache, dass das meiste Wasser vom Mont-Blanc Massiv auf der gegenüberliegenden Seite stammt und durchs Tal ‚tunnelt‘. 1955 wurde oberhalb der Lac du Vieux Emosson aufgestaut und dort winkt der heutige Bergpreis.

Gemütlich geht es erst dem Stausee entlang bis zum Ort, wo einer der fiesesten Aufstiege beginnt den ich kenne. Das betonierte Strässchen hat einen genialen Grip, womit das Fahren bis zur Cabane du Vieux Emosson (2187m) machbar wird. Ich will das schaffen und fahre so langsam wie irgendwie möglich um genügend Saft in den Beinen zu haben… und es gelingt! 

Als Belohnung gibt es ein kühles Getränk auf der Terrasse und ein gutes Trockenfleischplättli zu Walliser Wucherpreisen. Aber diese Aussicht will bezahlt sein. Die Hütte steht direkt unterhalb der Staumauer und psychologisch spürt man die Millionen Tonnen Wasser bei jedem Blick auf die Mauer ‚drücken‘. 😉 

Der Berg brummt hörbar… Die Gegend ist eine riesige Baustelle. In den letzten Jahren wurde hier das Mega – Pumpspeicherkraftwerk Nante de Dranse in den Berg gebaut. Ich hoffe, dass sich dieses klassische Konzept (Mit billigem Strom das Wasser hochpumpen um es für die Stromproduktion bei hohem Bedarf wieder in den unteren See zu lassen) langfristig am Markt halten kann. Das Kraftwerk (Kaverne von 30m x 50m x 200m) ist vollständig im Berg und vom Tunneleingang auf dem obigen Bild kann man wohl mit Lastwagen direkt runter nach Le Châtelard fahren!

Überall ist man noch im Baufinish. Wegen der 20m höheren Staumauer musste der Wanderweg neu aus dem Felsen gesprengt werden – die Zünderdrähte liegen noch in der Gegend rum. Ich schiebe das Bike bis auf den Aussichtspunkt oberhalb der Staumauer und geniesse die grandiose Szenerie. Ab hier geht es hinten im Tal zu den Dinosaurierspuren und den Passübergängen nach Frankreich. Ich verzichte wegen Schneefelder auf zusätzliche Abenteuer und fahre gemütlich zurück zum Lac d’Emosson.

Anstatt mit dem Auto bietet Verticalp einen Alternativaufstieg und einen Abenteuerspielplatz der Extraklasse. Per Standseilbahn geht es von Châtelard nach Les Montuires zu einem Restaurant, Alpengarten und Spielplatz. Danach den Felsen entlang mit einer stollenbahnähnlichen Panoramabahn. Und zum Schluss per Ministandseilbahn rauf zum Restaurant an der Staumauer. Ich fahre in die umgekehrte Richtung über Schotter und einen kurzen Trail bis ins Café Verticalp zu einem göttlichen Aprikosenkuchen und zurück zur Strasse.

Für die rund 600 Höhenmeter Abfahrt nach Finhaut gibt es diverse Alternativen auf Singletrails, auf die ich aber wegen ‚zu steil‘ und ‚zu technisch‘ verzichte. Wer wissen will, wie richtige Mountainbiker diese Tour fahren, lese gerne den Bericht von Rotscher und Sven & Beat. Die ganz Harten fahren bzw tragen das Bike auch gerne mal über zwei Pässe. 😉

Ich nehme auf- und abwärts die Weicheivariante und fahre mit Highspeed runter nach Finhaut und auf der Strecke von gestern auf der Route des Diligences weiter nach Vernayaz. 1883 Höhenmeter Abfahrtsrausch, nicht auf Singletrails, aber trotzdem genial.

Zurück ins Hotel und heute Dienstag hat zum Glück die Pizzeria des Dorfes geöffnet… Pizza zum Zweiten… 😉

Herunterladen

Statistik: 39.8 km, ca. 1123 Höhenmeter, Fahrzeit 3:37 h, ca 1883 Höhenmeter abwärts

2 Kommentare zu “Zum Lac du Vieux Emosson !

  1. sven
    Antworten

    Die steigung zur Vieux Emosson hinauf ist wirklich brutal steil, schrittempo kurz vor dem umkippen *g*

    Dein bericht bringt gerade die erinnerungen wieder zurück, an zwei der schönsten touren der vergangenen saison, eine phantastische gegend dort oben. Wir mussten übrigends ab Les Marécottes auch die weicheivariante nehmen, weil bei einem gewissen halbmond-blogger die kraftreserven aufgebraucht waren LOL

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.