Das Wochenende auf der Schynigen Platte !

Der Nebel liegt schwer über Solothurn während in den Alpen grandioses Herbstwetter herrscht. Das ist genau der richtige Zeitpunkt um einen All-Time Klassiker des Berner Oberlandes zu besuchen, die Schynige Platte. Ende Oktober kann da aus Erfahrung nichts schiefgehen. Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier oben und beim letzten Versuch musste ich auf dem Faulhorn umkehren.

Im Takt mir den Wetterprognosen habe ich vor wenigen Tagen eines der letzten Zimmer ergattert. Für 139 CHF pro Person gibt es im Berghotel Schynige Platte das Doppelzimmer im Herbstangebot, die Bahnfahrt und ein 5-Gang Nachtessen sowie Frühstück inklusive. Das geht sehr in Ordnung, kostet das normale Bahnticket alleine 64 CHF. Wir haben das Zimmer 1: Sommerfrische, jedes Zimmer hat sein eigenes Thema. Die Dekoration ist rustikal und schön, wenn auch hart an der Grenze zum Historienkitsch. 😉 Dusche und Toiletten sind auf dem Flur, was bei so einer Aussicht und an einer solchen Lage nicht stört.

Obwohl wir früh Anreisen herrscht an der Talstation bei Wilderswil das nackte Parkchaos. Irgendwo im Industrieareal gibt es schliesslich einen Platz und damit einen kleinen Marsch zurück zur Bahn. Um dem Andrang gerecht zu werden, fährt die Bahn jeweils mit zwei Zügen im Doppelpack. Wir steigen im offenen Sommerwagen ein, was keine so tolle Idee war. Die Fahrt dauert über 50 min und trotz Sonne wird es mit jedem Höhenmeter etwas kälter – auf der Schynigen Platte (1967m) angekommen sind wir erst mal durchgefroren!

Zimmerbezug und raus auf die Hotelterrasse. Das Restaurant ist modern umgebaut mit einer grossen Terrasse – sehr schön! Trotzdem gibt es hier gegen Mittag absolut keinen Platz. Wir kriegen schliesslich doch noch einen Tisch um etwas Kleines zu essen. Danach erkunden wir die nähere Umgebung mit einer kurzen Wanderung zum Aussichtspunkt Daube. Der Blick zum Thunersee – übers Interlaker Bödeli – zum Brienzersee, ist umwerfend. In der steil abfallenden Felswand sind mit etwas Geduld zahlreiche Gämsen auszumachen.

Wer sich dann um 180° dreht sieht das obige Panorama. Im Vordergrund das markante Gumihorn, links Oberberghorn und Loucherhorn, dahinter die Alpenkette mit Eiger-, Mönch und Jungfrau. Das macht irgendwie sprachlos und ich geniesse für längere Zeit auf einem der Holzbänkli die Szenerie. Linkerhand des Gumihorns geht es auf einem Wanderweg zurück ins Hotel.

Mit Glück kann ich einen Platz auf der Terrasse ergattern und die Sonne wärmt nun dank wenig Wind gut auf. Langsam werden die Farben milder und das Panorama nur noch schöner. Die Tagestouristen fahren schubweise ins Tal und als sich die Reihen lichten, schalte ich zusammen mit meiner Frau mit einer Flasche Weisswein und einer Zigarre in den Geniessermodus.

Die Schynige Platte gehört den Jungfrau Bergbahnen und entsprechend herrscht hier am Tag das totale Alpendisneyland mit Swiss Flower Trail, Alphornbläsern, Panorama Trail, Fotopoint und der Kuh Lily als Maskottchen. Grandiose Berge reichen heute den (asiatischen) Touristen schon lange nicht mehr als Argument um auf einen Berg zu fahren. Umso grösser der Kontrast, wenn die letzte Bahn talwärts fährt und auf dem Berg die Ruhe einkehrt.

Gerne lasse ich die Bilder des Sonnenuntergangs wirken. Rechtzeitig zum Nachtessen geht die Sonne unter und wir kriegen im warmen Restaurant ein gutes Menü serviert. Überhaupt ist die Küche für ein Berghotel sehr gut (wenn auch nicht günstig) – am Nachmittag haben es mir besonders die frischen Kuchen auf dem Buffet angetan. Heute fällt die aufgeräumte Stimmung beim Personal auf, welches nach einer langen Sommersaison nun seinen zweitletzten Arbeitstag hat. Bergluft macht müde und so gehen wir relativ früh ins Bett.

Ich stelle den Wecker und bin rechtzeitig zum Sonnenaufgang hinter dem Hotel auf dem Berg. Es ist frisch und es dauert bis sich die Sonne milchigweiss über die Berge kämpft. Na Ja, es gibt schönere Sonnenaufgänge. Umso besser ist dafür das Frühstücksbuffet. Einziger Nachteil – um 0900 Uhr ist mit der Ankunft der ersten Tagesgäste bereits wieder Schluss mit Frühstücken.

Wir deponieren das Gepäck und machen eine Wanderrunde. Auf dem Panoramatrail gehen wir hinüber zum Oberberghorn. Der Weg ist fast kinderwagentauglich, was angesichts der Ausrüstung so mancher Touristen eine gute Idee ist. Auf dem Grat unterhalb des Horns sieht man bereits wieder wunderbar über den Brienzersee und hinunter nach Interlaken.

Wer noch ein kleines Abenteuer sucht, klettert auf den Gipfel des Oberberghorns. Die obersten Passagen werden mit Holztreppen überwunden und wer etwas Höhenangst hat, kann sich an Drahtseilen halten. Alles kein Problem! Im zerklüfteten Fels gibt es einige höhlenartige Spalten mit Panoramaausblicken in alle Himmelsrichtungen – ideale Fotosujets.

Obwohl heute der Himmel etwas weniger klar als gestern ist, hat das Panorama nichts an seiner Wirkung verloren. Immer und immer wieder zieht es den Blick zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Und ebenfalls immer wieder fasziniert die Farbe des Brienzersees.

Die Wanderrunde ist wörtlich zu nehmen, führt doch ein gepflegter Weg wieder zurück in Richtung Bergstation. Seit Jahrzehnten eine Attraktion ist der Alpengarten, den man keinesfalls verpassen sollte. Ende Oktober lässt sich die Artenvielfalt der alpinen Botanik natürlich nur noch erahnen. Das Personal ist damit beschäftigt den Garten wintersicher zu machen und hat alle Beschriftungen bereits abmontiert. Nun ja, ein Grund um im Frühling bzw Frühsommer zurückzukehren.

Wir holen unser Gepäck und laufen runter zur Bergstation, vorbei an der namensgebenden Felsplatte direkt neben dem Berghotel. Es ist diese Felsplatte, welche besonders bei feuchten Verhältnissen von der Abendsonne angestrahlt weit ins Land schien – deshalb die schynige Platte. Bei der Talfahrt sind wir klüger und sitzen in einem geschlossenen und geheizten Wagen.

Die Fahrt mit der historischen Zahnradbahn ist für sich selber ein Erlebnis. Unglaublich wie die Technik von 1893 seit weit über hundert Jahren mit entsprechender Wartung relativ problemlos ihren Dienst verrichtet. So fährt die Bahn beispielsweise immer noch auf den originalen Zahnstangen.

Fazit: Genau so muss ein Season-End sein! Manchmal muss man einfach auf den richtigen Tag warten. Die Schynige Platte ist natürlich sowieso ein ‚einmal-im-Leben-muss-man-dort-gewesen-sein‘-Spot, aber die Übernachtung lohnt sich ganz besonders, weil man nur so dem Touristenrummel kurz entfliehen und die Berge in Ruhe geniessen kann.

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